Xaver Büschel
Paartherapie & Sexualtherapie
Familientherapie & Psychotherapie


Baby da! Sex weg!


Baby da! Sex weg!  

Baby da! Sex weg!

Interview mit der Bild am Sonntag vom 9. September 2015

Endlich Eltern. Ein Baby gilt als Krönung der Liebe. Das letzte fehlende Puzzleteil zum Lebensglück. Eigentlich sollte der Nachwuchs ein Paar enger zusammenschweißen. Doch oft kommt mit dem Kind die Krise. Denn während das Baby zu jeder Tages- und Nachtzeit sehr munter sein kann, schläft das Sex-Leben seiner Erzeuger ein. Mindestens für Wochen und Monate, manchmal sogar jahrelang.

VON SANDRA BASAN

Laut einer Umfrage der Universitätsklinik Freiburg finden 40 Prozent der Mütter den Sex sechs Monate nach der Geburt schlechter als zuvor. Fast ein Viertel gibt zudem an, dass sich die Beziehung zum Partner verschlechtert habe.
„Säuglinge und Kleinkinder sind wahre Vampire“, sagt die Schweizer Paarpsychologin Catherine Herriger. „Sie saugen Zeit, Aufmerksamkeit und Emotionen. Das kann eine extreme Belastungsprobe für ein Paar sein und wird grundsätzlich unterschätzt.“ Während der Kinderwunsch von Romantik und Kuscheligkeit getragen war, bringt die Realität Schlafmangel, Überforderung und Stress. Für beide Eltern. Auch bei Männern hält sich die Lust auf Körperlichkeit nach der Geburt in Grenzen. In einer Studie von Wissenschaftlern der Universität Michigan gaben 74 Prozent der befragten Väter an, dass sie sich in den Monaten nach der Geburt bevorzugt selbst befriedigten. „Viele haben auch Angst, ihren Partnerinnen wehzutun oder wollen dem Baby den Körper der Mutter ganz überlassen“, so Catherine Herriger.

Nicht wenige Männer sind psychisch überlastet. Beziehungstherapeutin Herriger rät Männern radikal, nicht mit in den Kreißsaal zu gehen. „Der Akt der Geburt ist ein recht kruder Vorgang, verbunden mit Schmerz und Blut – wenn dieses Bild sich im Kopf des Mannes festsetzt, werden seine eventuell vorhandenen sexuellen Probleme verstärkt.“

Das könne den Sex mit der Frau belasten oder unmöglich machen. Männer sollten wie früher draußen warten, statt mitten im Geschehen zu sein. „Aus meiner professionellen Sicht und Erfahrung entsteht durch die Anwesenheit des Mannes bei der Geburt nicht unbedingt eine stärkere Beziehung zum Kind“, so Herriger. Diese könne nach der Geburt genauso gut entstehen. Durch Windeln wechseln, füttern oder in den Schlaf singen. Der Bonner Paartherapeut Xaver Büschel sieht das gelassener: „Jeder Mann muss sich bei einer anstehenden Geburt selber fragen, ob er dabei sein möchte und welche Erwartungen seine Frau an ihn hegt.“ Ein off enes Gespräch vorab sei unbedingt notwendig.

Nach der Geburt müssen sich Frauen zumeist von den Strapazen der Entbindung erholen. Sechs Wochen Sex-Abstinenz sind aus medizinischer Sicht völlig “normal“. „Es gibt keine Normen“, sagt Therapeut Büschel über die „postpartale Flaute“. „Die Erfahrungen reichen von ein paar Monaten bis zu ein, zwei und mehr Jahren.“

Denn das Stillen und Kuscheln mit dem Baby deckt das Bedürfnis vieler Frauen nach körperlichen Berührungen zunächst einmal vollkommen ab. Hinzu kommen veränderte Schlaf- und Essgewohnheiten, körperliche und hormonelle Veränderungen oder Sorgen um das Kind, die das Interesse an Sex in den Hintergrund rücken. Häufig sind die Probleme mit dem Ende der Stillzeit vorüber, weil die Frauen wieder autarker vom Kind leben können. Sind Frauen jedoch vom Muttersein frustriert, kann das erst nach ein paar Monaten zur angespannten Familiensituation führen. „Diesen Frust laden sie vermehrt bei ihrem Mann ab, der sich in dieser Situation häufig in neue berufliche Projekte stürzt, da er sich einer realen Überforderung gegenübersieht. Er kann seiner Frau in dieser Sackgasse nicht weiterhelfen“, so Xaver Büschel. „Das lässt die Beziehung als Paar mit neuen Herausforderungen nicht gerade freundlicher werden.“

Doch auch ein Paar mit Kind bleibt ein Paar. In sexlosen Zeiten sind Worte umso wichtiger. „Man muss über seine Unzufriedenheit reden – mit dem Partner, mit Freunden oder auch mit einem Therapeuten“, sagt Catherine Herriger. Sie rät den Paaren, die in ihre Praxis kommen, einander mit liebevoller Vorsicht zu begegnen. Mit etwas Distanz und viel Respekt.

Ihr bester Tipp klingt banal, soll aber Wunder wirken: Machen Sie Urlaub mit Baby! Anderer Tagesablauf, andere Prioritäten, andere Umgebung, ein bisschen Sonne – all das weckt neue Lustgefühle.